Mich haben zwei parallel stattfindende Ereignisse beschäftigt: die Aussage von Herrn Linnemann, dass der Zugang zur Grundschule eine gewisse sprachliche Kompetenz erfordere und die Aussage einer Bürgerin, dass sie an den kommenden Wahlen nicht interessiert sei, weil sie Parteien überflüssig fände und eher Experten das Sagen überlassen würde. Und in dem Zusammenhang dachte ich noch mal an den Vorschlag von Kevin Kühnert, die Autoindustrie betreffend.
Irgendwie passt das alles gut zusammen. Warum? Der Reihenfolge nach:
Vor einiger Zeit empfahl der Vorsitzende der Jusos, ein deutsches Automobilunternehmen zu verstaatlichen. An sich kann man(n) und frau ja über jeden Vorschlag nachdenken; gleichzeitig wäre es doch gut, wenn wir den Eindruck hätten, dass derjenige, der einen solchen Vorschlag macht, auch schon mal etwas länger darüber nachgedacht hat.
Und darum fragte ich mich: welches Vorbild einer gelungenen Verstaatlichung eines international erfolgreichen Automobilunternehmens hat Herr Kühnert eigentlich im Blick, wenn er vorschlägt, dass wir das selbe doch mit BMW auch machen könnten? Eigene Erfahrungen damit hat er ja nicht, da könnte er Erfahrungen Anderer zu Hilfe nehmen.
Mir wollte partout kein positives Vorbild einfallen, auf das er sich bezogen haben könnte. Aber das müsste er natürlich selber sagen. Trotzdem frage ich mich: Hat er ersteinmal mit Anderen darüber gesprochen, ob das wirklich eine gute Idee ist? Vielleicht sogar Auskünfte über vergleichbare Vorgänge anderswo eingeholt hätte? Bisher klang es nicht so, als ob er da getan hätte.
So, wie jetzt Herr Linnemann, der meint, mit ungenügenden Deutschkenntnissen solle man noch nicht eingeschult werden; während Andere sagen, gerade in der Schule könnten sie ja Deutsch lernen! Oder aber, wie Herr Linnemann annimmt, eben nicht; weil sie zu wenig verstehen, lernen sie zu wenig – und sind dann vielleicht auch noch frustriert und nehmen einen schlechteren Weg durch die Schule… Ja, darüber kann man diskutieren und darüber gibt es auch schon Erfahrungen und Erkenntnisse von Fachleuchten. Es gibt nicht nur Vermutungen und persönliche Neigungen, das eine oder andere anzunehmen, sondern konkrete Erfahrungen mit dem, was bei einer Einschulung an Kompetenzen gegeben sein sollte und was dann passiert, wenn sie nicht gegeben sind und dennoch schpn eingeschult oder eben später eingeschult wird.
Diese Erfahrungen könnten nun gesammelt werden und zu einer Empfehlung führen; die dann, und vielleicht wirklich erst dann, öffentlich gemacht werden sollte.
Weil sonst die Annahme, unser politisches System könnte abgeschafft und besser durch Expertengremien ersetzt werden, gar nicht so leicht wegzudiskutieren ist.
Insofern scheint es eine gute Herangehensweise zu sein, wenn erkennbar gemacht wird, dass unsere Politiker Expertenwissen einholen und bei ihren Entscheidungen berücksichtigen. Gerne auch in Form von Debatten, die die meist komplexen Themen aus allen Richtungen beleuchten und dann erst zu einem Ergebnis kommen.
Oder müssen/sollten sie selber die Experten sein?
Martin Goßmann
